Veranstaltungen

 
  
 
 
 
 

 
 
 
 
 
1991-1992, bevor die Gruppe (ATG) noch keinen Namen hatte, wurden die sozio-kulturellen Aktivitäten unter dem Internationalen Bund für Sozial Arbeit- Göttingen (IB) fortgesetzt.

 

Deutsch-türkisches Fest währt fünf Monate

   

 

Folklore, Lesungen, Filme und Diskussionen bestimmen das Programm (Göttinger Tageblatt 1992)

 
     
Göttingen (am). Sie beginnen am Freitag 21.August, mit einem Orientalischen Basar am Gänseliesel und dauern bis in den Dezember: die Deutschland-Türkei – Kulturtage. Das „Fest von unten“ bietet etwas für jeden Geschmack. Mit Büchern, Kupferartikeln, Tanz und Delikatessen lockt der Orientalische Basar von 11 bis 18 Uhr am Kornmarkt. Filmfans kommen dagegen im Lumiere auf ihre Kosten: Dort läuft am 10., 11. und 12 September der Film „Reise der Hoffung“, am 15. und 16 September der Film „Vatanyolu“. Eine Stunde vor Programmbeginn gibt’s türkische Leckerbissen. Auch im Jungen Theater schlägt sich das Kulturfestival nieder. „Der Medienmensch“ von Mehmet Fistik geht am 6. September über die Bühne. „Der Mann, der die Gerechtigkeit suchte“, von Ergün Tepecik, steht am 4.Oktober auf dem Gastspielplan. Hatice Güler-Meisel widmet sich am 24 Oktober, um 16 Uhr, in der Benzstrasse, im ehemaligen jugoslawischen Club, der „Sprache der Tücher“ – der Kopftücher für die Frauen. Jede Menge Musik und Tanz ist für den 24 Oktober vorgesehen. Tänze aus der Türkei- Aserbaidschan, Musik und gutes Essen gibt’s um 19 Uhr. Saliha Scheinhardt leitet drei Abende mit Film – „Abschied vom falschen Paradies“ (30.Oktober) – Lesung (6.November), Lyrik und Musik (8.November). „Die zweite Generation. Deutsche oder Türkin?“ lautet das Thema eines Abends im Apex am 19.November. Ebenfalls im Apex schließt am 5.Dezember eine Lesung von Osman Engin den Deutsch-Türkischen Kulturherbst ab.
     
 
ATG- Folklore (Secenek):  unter der Leitung von Tuncay Erengil:
     
 
ATG Folklore
 
 
ATG - Folklore am Kornmarkt – Göttingen - 1992
 

Beim Volksfest in Witzenhausen - 1993

 
     
  *******  
     
  „Deutschland-Türkei Kulturtage-1992“ wurde eine Zusammenarbeit mit den Arbeitsgruppen am Pädagogischen Seminar und am Internationalen Bund für Sozialarbeit (SIG) stattgefunden.  
     
  Schmerzende Grotesken
Der türkische Autor Osman Engin las im Apex
 
     
 

Göttinger Tageblatt / Mittwoch, 09.12.1992

Von  Katja Winckler

 
     
 

„Was du wollen?“, fragt die Sekretärin bei der Ausländerpolizei, und Osman, der sechzigjährige Familienvater, hält es für geschickter, auf Tarzan-Deutsch zu antworten. Osman Engin weiß, wovon er schreibt: Seit neunzehn Jahren lebt der türkische Diplom-Sozialpädagoge in der Bundsrepublik. In der Stadtzeitung „Bremer“, in der taz und in der Titanic kann man seit gut zehn Jahren seine bissigen Kommentare zur Situation der „Gastarbeiter“, „Scheinasylanten“ und „Wirtschaftsflüchtlinge“ lesen.

Am Sonnabend las Osman Engin im Göttinger Apex in Göttinger Apex. Engins „Erlebnisberichte“ ließen dem Zuhörer so manches Mal das Lachen im Halse stecken bleiben. Nicht nur die Satire „Tief betroffen“, deren Pointe als garantiert sichere Selbstmordmethode den Aufenthalt in Ausländerwohnungen empfiehlt, sondern auch „Negerlotto“ geht hart an die Schmerzgrenze. „Die Grill-Party“ entpuppt sich als Asylanten-Abfackelparty („Bitte rücken Sie mal nach rechts über“), und in der Satire „Ausländermitbenutzungszentrale“ versuchen „Liebe Deutsche“ – das andere Phänomen -, ihr schlechtes Gewissen Ausländern gegenüber mit eigens zubereiteten türkischen Frikadellen zu beruhigen. Die Groteske schmerzt, weil sie Wirklichkeit zur Kenntlichkeit entstellt.

Engins Werk zeichnet sich nicht durch subtilen, feinen Sprachwitz, sondern durch starken Sarkasmus aus, der bei seiner Thematik nicht verwundert. Dem (deutschen) Publikum wurde eine sehr aufschlussreiche Lesung – aus einer fremden Perspektive – geboten. Anschließend kam es zu einer lebhaften Diskussion.

 
     
     
 

Mehmet Fistik

Göttinger Tageblatt / Dienstag, 8 September 1992

Der Medienmensch

Von Jörn Barke

 
     
  Deutschland - Türkei Kulturtage 1992  

Der gläserne Medienmensch – Mehmet Fistik hat ihn gebaut. Mit ausdrucksstarker Pantomime schilderte er am Sonntagabend im Jungen Theater den Werdegang eines Menschen. Ob Säugling oder Schüler, ob grinsend oder grämend – Fistik  hat alles parat.

Bald sind Mickey Mause und Mathebuch in der durchsichtigen Plastiktonne gelandet. Doch die Entwicklung ist unaufhaltsam: Sind die Schallplatten längst ausgeleiert, tun die Beine nach dem Kinobesuch längst vom John-Wayne-Gang weh, da steht er endlich: der Fernseher. Und mit einer Zuschauerin als Fernbedienung sitzt sich’s doppelt bequem.

Ist nun auch der Fernseher tieftraurig zu Grabe getragen, so verkabelt Fistik zum Schluss die Schauer und sich selbst.  Aus Plastiktonnen aufgebaut, in die die Requisiten allesamt gewandert sind, steht er schließlich da: der gläserne Medienmensch. Stumm das alle, wohlgemerkt, doch deshalb nicht weniger eindringlich.

 
 

Doch dies war nur der erste Teil von Fistiks knapp anderthalbstündigem Programm, das er im Rahmen der Deutsch-Türkischen Kulturtage aufführte. Der zweite Teil des Abends bricht mit der Morgenmuffelnummer an, herausragend dabei die Augengymnastik. Die Einzelszenen bergen aber auch Nachdenkliches in sich: In „Zivilisation“  schildert er den Werdegang des Menschen von Affen zum Laffen, der, zu Maske erstart, dem Tier gar nicht mehr so unähnlich sieht. Das stärkste Stück des Abends zeigt Fistik als Amor mit güldenen Flügeln, der ein Schauerpaar verkuppeln will. Einfach hinreißend. So wie hier holt Fistik immer wieder Zuschauer auf die Bühne, die sich mitreißen lassen und glänzend einfügen. Er durchbricht die Einsamkeit jenes Medienmenschen, er sucht und findet den Kontakt. Mühelos als Adam, Eva und Schlange zugleich schlägt er die inhaltliche Brücke seines Programms.

Die Szene beginnt wie der erste Teil und endet wieder beim Medienmenschen: Auf die Entwicklung des einzelnen folgt die Geschichte der ganzen Menschheit. Nach dem Paradies die Medien.

 
     
  *********  
     
 

Göttinger Tageblatt, 21.10.1992

Die Frau ist schließlich auch ein Mensch


Deutsch-Türkische Kulturtage: Diskussionsrunde im Foyer internationaler Begegnung

 
     
 
     
Kulturtage  
Göttingen (lo). „Für einen Mann gab es in der Urzeit keinen Unterschied zwischen einem Dinosaurier und einem Menschenkind  - sie aßen beides“, krächzt Dr. Gürbüz Tüfekci stockheiser, doch dafür umso heftiger gestikulierend.  Fast alle Besucher, die sich im Foyer internationaler Begegnung versammelt hatten, im Rahmen der deutsch-türkischen Kulturtage über das Thema „Frauen und Menschenrechte“ zu diskutieren, sind türkischer Herkunft.Die gesamte psychologische und kulturelle Entwicklung, die den Menschen vom Tier unterscheide, sei den Frauen zu verdanken, setzte der Sozialanthropologe von der Universität Metu in Ankara seine Ausführung in einem wahren Höllentempo fort und brachte seinen Dolmetscher heftig ins Schwitzen. Tüfekcis wissenschaftliches Interesse gilt dem Menschen, „und die Frau ist auch ein Mensch“, stellte er fest. Hier hakte seine Nichte, Dr. Isik Soner,  in ihrem nachfolgenden Referat ein: Schon  diese Äußerung sei eigentlich diskriminierend, da sie etwas Selbstverständliches betone.
Die Politologin lebt seit zwölf Jahren in Deutschland und arbeitet seit fünf Jahren in Frauenhaus Hamburg. Im Mittelpunkt ihres Vortrages stand die Gewalt gegenüber Frauen, die es in Deutschland ebenso gebe wie in der Türkei. Sie erwähnte Schätzungen, die ergaben, dass in der Bundesrepublik jede dritte Ehefrau von ihrem Ehemann geschlagen, 72 Prozent der Frauen am Arbeitsplatz belästigt und alle 15 Minuten eine Frau vergewaltigt würde.
     
 
Kulturtage
 
Sowohl in der deutschen als auch in der türkischen Verfassung ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau verankert. Trotzdem, so Dr. Isik Soner weiter, kursiere in der Türkei folgendes Sprichwort, das Gewalt legitimiere: Wer seine Tochter nicht schlägt, der wird es später bereuen. In 14 von 28 Ländern, erklärte die Politologin weiter, würden immer noch Söhne bevorzugt. Zwangsabtreibungen weiblicher Föten seien keine Seltenheit. „Frauen werden ünterdrückt, damit die Machtverhältnisse der herrschenden männlichen Schlicht aufrechterhalten werden“, behauptet Dr. Isik Soner. Der Menschen- und Frauenfreund Tüfekci sieht das offenbar anders: „Kein Mann besitzt Rechte, die er nicht von der Frau erhalten hat.“ Die Unterdrückung der Frau habe begonnen, setzte er fort, als Eva im Paradies Adam mit dem berühmten Apfel verführte. Seitdem wollten die Männer nicht mehr auf ihre Frauen hören. Fazit der Diskussion: Die revolutionären Reformen von Atatürk seien zwar im Gesetz festgelegt, aber in den Köpfen der Menschen noch nicht verankert.
     

*******

 

Göttinger Tageblatt   (Dienstag, 21.Dezember 1993)

Alternatives Theater:

„Lirik ve Müzik“

 

 
Kulturtage  
Göttingen (kal). „Lirik ve Müzik“ stand auf dem Programm eines Festes, zu dem das „Alternatives Theater Göttingen“ (ATG) die der Stadt lebenden Türken und Türkinnen eingeladen hatte. Mehr als 80 Besucher lauschten in der Aula der Groner Heinrich-Heine-Schule den neuzeitlichen Gedichten der türkischen Schriftsteller Orhan Veli und Ahmet Arif. Die aus 15 türkischen und Deutschen Laienschauspielern bestehende Gruppe spiel-te zwei Stücke, die aus der Feder des Göttingenlebenden Schriftstellers und Initiators dieses Treffens, Ergün Tepecik, stammten. „Wir wollen Theater von unten machen. Für die Landbevölkerung kennt, wenn überhaupt, nur Zelttheater oder Jahrmarkt“, beschreibt Tepecik die Bemühungen um Anerkennung des ATG. Zum Abschluss spielte Dr. Güven Erdil auf der Orgel türkische populäre Volkslieder: hatten die zumeist jungen Besucher zunächst nur mitgeklatscht und –gesungen, hielt es sie später nicht mehr auf den Stühlen: Die Schulaula wurde zur Diskothek. 
     

***********

Göttinger Tageblatt   (Donnerstag, 26 Januar 1995)

Aziz Nesin kommt nach Göttingen

Auf Einladung des „Alternativen Theaters Göttingen „ kommt der türkische Schriftsteller Aziz Nesin zu einem Vortrag nach Göttingen: Am Freitag, 27.Januar, um 19 Uhr im Zentralen Hörsaalgebäude der Universität, Raum 011 (Platz der Göttinger Sieben). Die Moderation des Abends hat die ürkische Schriftstellerin Saliha Scheinhardt übernommen, die Aziz Nesin Vortrag ins Deutsche übersetzen wird.

     

Portrait des türkischen Schriftstellers Aziz Nesin

Auf der Todesliste der Fundamentalisten

Von Thomas Sturm
Wie man sich doppelt so schnell miteinander bekannt machen kann: Als Kemal Atatürk 1933 die Türken dazu verpflichtete, einen Nachnamen zu tragen, nannte sich der 1915 in Istanbul geborene Mehmet Nusret einfach Aziz Nesin – Aziz war der Vorname seines Vaters, Nesin bedeutet „Was bist du?“

Der Humorist und Satiriker Aziz Nesin gehört in der Türkei schon seit Jahrzehnten zu den populärsten Schriftstellern. Von 1948 an bis heute hat er über rund einhundert satirische Kurzgeschichten, Erzählungen, Romane und Theaterstücke verfasst, und er erreicht mit ihnen ein breites, in den letzten Jahren auch zunehmend ein internationales Publikum. 1965 teilte er sich für seine Erzählung „Der Dienst am Vaterland“ mit Erich Kästner den 1. Preis beim Internationalen Humoristenwettbewerb.

Jahrelang im Gefängnis

Nesins Arbeiten in 35 Sprachen übersetzt; in deutscher Sprache sind über ein Dutzend Bücher von ihm erschienen (u.a. Wie bereitet man einen Umsturz vor? (dt. 1977); Ein Schiff namens Demokratie (dt. 1978) oder seine Autobiographie So geht’s nicht weiter (1966/72); alle erschienen im Ikoo-Verlag, Pullenreuth/Bayern).

Nesin behandelt politische und gesellschaftliche Probleme gerne satirisch, doch damit verbindet er zugleich ernsthaftes Engagement. Nesin sieht sich als linken Demokraten, und er tritt seit langem offen dafür ein, dass auch islamische Kulturen universelle demokratische Werte konsequent  beachten müssen. Entsprechend fordert er, der in der Türkei zu beobachtenden Rückkehr zur Scharia (der streng islamischen Rechtsauffassung) entgegenzuwirken.

     
Aziz Nesin (Ankunft: Göttingen Hauptbahnhof)  

Vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren hatte er für seine Kritik am türkischen Staat und an den sozialen Problemen in seiner Gesellschaft  zahlreiche Publikationsverbote und über 150 Angeklagten zu erdulden. Insgesamt fünfeinhalb Jahre verbrachte er im Gefängnis, zu meist mit der Begründung, er sei Kommunist und vielleicht sogar Spion für Moskau.

Heute sind Nesins Schriften in der Türkei zwar ohne Probleme im Buchhandel zu haben. Auch international versucht man seine Arbeit zu würdigen und zu unterstützen: 1993 erhielt er die „Carl-von-Ossietzky-Friedensmedaille“, und ihm November 1994, als er eigentlich gerade nach Göttingen kommen wollte, verlieh man ihm – nicht ganz überraschend – in New York den „Internationalen Preis  für die Freiheit der Presse“. Doch die Bedrohungen haben seit dem für den 79jährigen Nesin noch längst nicht aufgehört.

Sie kommen jetzt nur von einer anderen, jedoch keineswegs weniger gefährlichen Seite. Weil er Auszüge aus Salman Rushdies Satanischen Versen  in der Zeitung „Aydinlik“  veröffentlicht hatte, nahmen ihn die iranischen Fundamen-talisten im Januar 1993 auf ihre Todesliste. Im Juli des letzten Jahres verübten Moslem-Fanatiker einen Brandanschlag auf Nesin: Während eines Kulturfestes in Sivas zum Gedenken an den anatolischen Dichter Pir Sultan Abdal töteten sie 37 Künstler und Schriftsteller; Nesin selbst konnte gerade noch entkommen.

Absurd genug – die türkische Staatsanwaltschaft hat auch noch eine Klage wegen „Volksverhetzung“ gegen ihn laufen: Er soll am Massaker von Sivas aufgrund seiner „atheistischen Äußerungen mitschuldig sein.

Aziz Nesin in Göttingen

Die Falle von Salman Rushdie und Taslima Nasreen, der Mordversuch an dem ägyptischen Nobelpreisträger Nagib Machfus bilden nur die Spitze des Eisbergs. Selbst in einem demokratisch verfassten Land  wie die Türkei sind Schriftsteller ihres Lebens nicht sicher. Bei einem Anschlag auf ein Intellektuellen-Treffen wurden dort im letzten Jahr 37 Menschen getötet.
     
Aziz Nesin in Göttingen  
Der prominenteste Telnehmer dieser Runde, Aziz Nesin, überlebte mit Glück. In solch einer Lage wird der Richter zum Symbol und Hoffnungsträger. Im Hörsaalgebäude der Universität sprach Nesin vor einem vorwiegend türkischen Publikum über einige seiner Meinungen zur Politik und Zeitgeschehen.

Aziz Nesin ist der populärste Schriftsteller der Türkei. Er gilt als unbeugsamer und provokanter Verfechter der Demokratie. Der 79jährige hat seit 1945 über 100 Bücher verfasst, in denen er sich humoristisch und satirisch mit der Situation seines Landes auseinandersetzt. Doch Lachen ist nicht immer Gesund. Dutzende von Prozessen musste der intellektuelle Störenfried über sich ergehen lassen, fünfeinhalb Jahre verbrachte in Haft und legt doch bis heute eine zähe Beharrlichkeit an den Tag, um Zivilcourage nicht zu einem Fremdwort werden zu lassen.

Gespaltenes Verhältnis

Im ZHG hatten die Besucher zunächst strenge Sicherheitsvorkehrungen über sich ergehen zu lassen. Moderiert und übersetzt wurde von der Schriftstellerin Saliha Scheinhardt, in deren Zusammenfassungen wohl manches von Nesins Witz verloren ging.  Wortreich sprach Nesin über die Situation der Türkei, die 1945 per Verordnung zur Demokratie gekommen war. Weil man sie sich nicht erkämpft habe, hätten die Türken bis heute ein gespaltenes Verhältnis zu demokratischen Standards. Kaum jemand dort wisse den begriff Demokratie mit Inhalten zu füllen. Die Justiz betätige sich, wie er am eigenen Leib erfuhr, als Rechtsverdreher. In einem von Korruption geprägten Volk sei es schwer, ein anständiger Mensch zu sein.

Tiefschürfend waren die Äußerungen von Aziz Nesin nicht, sie entspringen nur einem klaren, freidenkenden Geist, und das macht in vielen Ländern schon den Intellektuellen aus. Doch allein die Tatsache, dass Nesin laut ausspricht, was viele denken, macht ihn zu einem Sinnbild für den aufrechten Gang – eine Rolle, von der Schriftsteller-Kollegen hierorts nur träumen können.  Gerne  hätte ihn das Publikum zu Lippenbekenntnissen über die Kurdenfrage oder die türkische Minister bewegt, doch hier hielt sich Nesin an allgemeine Formeln und brach den Abend schließlich unvermittelt mit einem Hinweis auf allgemeine Müdigkeit ab.        

     

 

* * * * * * * * * * * *

SINASI DIKMEN

Göttinger Tageblatt / 09.Juli 1998

Liebe zu den Deutschen

Von Joachim F. Tornau

Wenn Sinasi Dikmen über Deutschland spricht – und das tut er eigentlich ständig –, nennt er es gerne „unser liebes Vaterland“. Der türkische Kabarettist aus Ulm, Gründer des Knobi-Bonbon-Kabaretts und am Montag mit seinem ersten Solo-Programm „Kleider machen Deutsche“ zu Gast in der Aula der alten Göttinger PH, liebt die Ironie. Und das Gesicht, das er dabei macht, sieht so bieder aus, dass man versucht ist, seine Worte für bare Münze zu nehmen.

     
     

„Als Änderungsschneider ändere ich alles, nur nicht meine Meinung über die Deutschen“, sagt seiner Alter ego, der Änderungsschneider Sinasi Dikmen. Er liebt die Deutschen (sagt er) und lästert über Deutsche Multi-Kulti-Har-moniesucht. Die Ironie des Kabarettisten ist oft nicht weit von Zynismus entfernt. Sie ist aber auch – und das vor allem –  Selbstironie. So, wie er über die von Türken umgebenen Deutschen spottet, spottet er auch über die von Deutschen umgebenen Türken. Er schwadroniert über sein „türkisches aller Körperteile“ und erzählt von dem endlich geborenen Sohn.

  Sinasi Dikmen (Kabarettist) in Göttingen
Die sprachliche und humoristische Brillanz allerdings, mit der er das zu tun pflegt, vermag nicht immer zu überzeugen – die einfache Reproduktion von Vorurteilen und nationalistischen Stereotypen ist eben nicht automatisch originell und witzig. Doch witzig oder nicht: Das vorrangige Ziel war ohnehin ein anderes. Aus Anlass des dritten Todestages des türkischen Satirikers Aziz Nesin hatten das Alternative Theater Göttingen und der Förderverein der Nesin-Stiftung eingeladen, um mit einer Benefizveranstaltung Geld für die Nesin-Stiftung  zu sammeln, einem Heim für Kinder und Jugendliche in der Nähe Istanbuls. Die gut besuchte Veranstaltung dürfte ihren Zweck erfüllt haben.

 

************

IN GÖTTINGEN ZU GAST / FAKIR BAYKURT
Göttinger Tageblatt/ Dienstag, 28.April 1998

„Viele Bücher zu schreiben“

Von Katrin Pauly

[ Freimund Pankow(links) las die Gedichte von Fakir Baykut mit der großen Freude  
Er schuftet im Pott, um sich zu Hause in der Türkei Felder und ein Häuschen kaufen zu können. Seine Kinder schickt er auf die Koranschule und lebt weiter. So beschreibt der türkische Schriftsteller Fakir Baykurt  in einem Gedicht die Denk- und Lebensart seines Landsmannes Ramazan aus Hacilar, der seit Jahren in Deutschland lebt, den Versuch der Integration aber gar nicht erst unternimmt. „Für Leute wie meinen Landsmann sind viele Bücher zu schreiben“, sagt der selbst seit 20 Jahren in Duisburg lebende Autor und setzt dies auch in die Tat um. Mehr als 40 Romane und Erzählbände, 14 davon auch in deutscher Sprache, sind von ihm erschienen. Einen Ausschnitt daraus präsentierte er auf  Einladung des Alternativen Theaters Göttingen in einer zweisprachigen Lesung im Göttinger Alten Rathaus.
 
Ebru Tepecik & Fakir Baykurt   

Ob ihm solche Kritik wie die an dem bäuerlich-intoleranten Wesen seines Landsmannes in seiner Heimat nicht verübelt werde, diese Frage verneint der Schriftsteller. Wenigstens von Seiten der Leserschaft hätte es bislang keine Kritik gegeben. Von offizieller Seite dagegen wurde Baykurt keineswegs immer wohlwollend behandelt: Bühnenfassungen seiner Werke wurden kurz vor der Premiere verboten, Übersetzungsanfragen aus dem Ausland abgeblockt mit dem Argument, Baykurt sei „kein Schriftsteller, sondern kommunistischer Anarchist“, von seiner Lehrertätigkeit wurde er mehrmals suspendiert, danach aber immer wieder eingestellt und kurioserweise jedes Mal befördert.Als „verrückte Dynamik“ beschreibt der Autor dieses seltsame Gebaren von gleichzeitiger Unterdrückung und höchster Anerkennung.Er, der sich selbst als Allgemeindenker bezeichnet und nicht festgelegt werden will auf eine deutsch-türkische Vermittlerrolle, ist unbedingter Befürworter einer multikulturellen Gesellschaft. Die Angst derer, die meinen, dass bei einem immer stärkeren Zusammenwachsen der Kulturen kulturelle Eigenheiten verloren gehen könnten, teilt er nicht und erklärt die Multikultur in einem molekularen Vergleich: „Die äußeren Teilchen gehen verschiedene Verbindungen ein, aber der Kern verändert sich nicht.“ Der politische europäische Einigungsprozess verläuft aller-dings nicht ganz nach seinem Geschmack: „Diese Leute achten nur darauf, dass sie ihren Wein aus einem Kristallglas trinken, nicht wie viele Einzellbestanteile seinen besonderen Geschmack ausmachen.“ Grenzen sind seiner Meiner nach nicht nur die Linien, die ein Land begrenzen, sondern auch Religionen und Weltanschauungen.

Die dafür nötige Toleranz hat er während seiner Tätigkeit als Lehrer für türkischen muttersprachlichen Unterricht in Duisburg vor allem bei der jungen Generation festgestellt. Die anderen sollen das auch noch lernen: „Trockenes Land, das Lange keinen Regen gesehen hat, muss mit Geduld umgepflügt werden, immer wieder umgepflügt werden.“